Kaum ein politischer Begriff wird derzeit so leidenschaftlich diskutiert wie die sogenannte Brandmauer zur AfD. Für die einen ist sie ein notwendiger Schutz der Demokratie. Für die anderen ist sie ein Zeichen dafür, dass Millionen Wählerinnen und Wähler politisch nicht ernst genommen werden.
Aber ist die Sache wirklich so eindeutig?
In einer neuen Folge des Podcasts „Erfolg ist kein Zufall“ spricht Gastgeber Kajau Hama Amin mit Magali Leidig-Petermann, SPD-Abgeordnete im Landtag Rheinland-Pfalz. Das Gespräch dreht sich nicht nur um die Brandmauer, sondern auch um politische Verantwortung, die Bezahlung von Abgeordneten, Bürokratie, Social Media und die Frage, warum viele Menschen das Vertrauen in etablierte Parteien verloren haben.
Die Folge ist kein klassisches Politikerinterview mit vorhersehbaren Antworten und ebenso vorhersehbaren Fragen. An manchen Stellen wird es ernst, an anderen persönlich – und gelegentlich auch ein wenig unbequem. Genau so sollte ein politisches Gespräch vermutlich sein.
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Weitere Gespräche mit Unternehmern, Politikern und Menschen mit außergewöhnlichen Lebenswegen sind auf der internen Übersichtsseite zum Podcast „Erfolg ist kein Zufall“ zu finden.
Wer ist Magali Leidig-Petermann?
Magali Leidig-Petermann ist seit Mai 2026 Mitglied des Landtags Rheinland-Pfalz und vertritt den Wahlkreis Frankenthal. Bevor sie in den Landtag einzog, war sie bereits über viele Jahre kommunalpolitisch und innerhalb der SPD aktiv. Der offizielle Landtag führt sie als Abgeordnete der 19. Wahlperiode.
Ihr politischer Weg begann allerdings nicht mit einem perfekt ausgearbeiteten Zehnjahresplan, einem Beraterteam und einer PowerPoint-Präsentation mit dem Titel „Mein Weg nach Mainz“.
Vielmehr entwickelte sich ihre Laufbahn schrittweise: über ehrenamtliches Engagement, Parteiarbeit, persönliche Kontakte und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Im Podcast beschreibt sie ihren Einzug in den Landtag sinngemäß als einen Sechser im Lotto – allerdings einen Sechser, für den vorher über Jahre Plakate geklebt, Termine besucht und Freizeit geopfert wurde.
Auch ihre persönliche Geschichte kommt zur Sprache. Im Jahr 2005 wurde sie zur Miss Strohhut der Stadt Frankenthal gewählt. Was zunächst nicht unbedingt nach politischer Karriere klingt, brachte sie früh mit Vereinen, Bürgerinnen und Bürgern, der Stadtverwaltung und lokalen Entscheidungsträgern zusammen.
Manchmal beginnt ein politischer Lebenslauf eben nicht im Bundestag, sondern auf einem Stadtfest.
Auf ihrer persönlichen Website beschreibt Leidig-Petermann Politik als Zuhören, Verstehen und Anpacken. Als politische Schwerpunkte nennt sie unter anderem bezahlbaren Wohnraum, lebendige Vereine und ein gutes gesellschaftliches Miteinander.
Wie kommt man eigentlich in die Politik?
Eine der interessantesten Fragen des Gesprächs ist erstaunlich grundlegend: Wie wird man überhaupt Politikerin?
Von außen wirkt Politik häufig wie eine geschlossene Welt. Man sieht Parteitage, Wahlplakate, Talkshows und Menschen, die offenbar schon im Kindergarten wussten, dass sie später einmal in einem Ausschuss über einen Änderungsantrag beraten möchten.
In der Realität beginnt politische Arbeit meistens deutlich unspektakulärer.
Man besucht eine Sitzung. Man hört zu. Man hilft bei einer Veranstaltung. Irgendwann übernimmt man eine Aufgabe. Dann noch eine. Und plötzlich sitzt man an einem Feiertag vor dem Computer und gestaltet einen Wahlkampfflyer, während andere Menschen längst beim zweiten Stück Kuchen angekommen sind.
Leidig-Petermann erklärt im Podcast, dass sie lange ehrenamtlich für die SPD gearbeitet habe. Politik sei für sie weniger ein gezielter Karriereplan als eine Überzeugung gewesen. Zeit sei dabei eines der größten Opfer gewesen. Gleichzeitig empfinde sie die Möglichkeit, an demokratischen Prozessen mitzuwirken, als großen persönlichen Mehrwert.
Das ist eine wichtige Erinnerung: Demokratie findet nicht nur bei Bundestagswahlen statt. Sie lebt in Ortsvereinen, Stadträten, Initiativen, Verbänden und überall dort, wo Menschen bereit sind, sich einzumischen.
Was verdient eine Landtagsabgeordnete?
Beim Thema Geld wird Politik meistens plötzlich besonders spannend. Über politische Programme kann man stundenlang diskutieren. Bei der Frage nach dem Gehalt werden jedoch selbst Menschen aufmerksam, die kurz zuvor noch nebenbei ihre Nachrichten geprüft haben.
Im Gespräch spricht Leidig-Petermann offen über ihre Vergütung.
Während kommunalpolitische Tätigkeiten häufig nur mit einer überschaubaren Aufwandsentschädigung und Sitzungsgeldern vergütet werden, erhalten Landtagsabgeordnete eine deutlich höhere monatliche Entschädigung. Im Podcast wird ein Betrag von rund 8.500 Euro brutto genannt. Zusätzlich existieren zweckgebundene Mittel, beispielsweise für ein Wahlkreisbüro und die politische Arbeit.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Gelder für Büros, Beschäftigte oder Arbeitsmittel sind nicht einfach zusätzliches Privatvermögen. Sie sollen die Ausübung des Mandats ermöglichen.
Trotzdem ist es richtig, über die Bezahlung von Politikerinnen und Politikern offen zu sprechen. Transparenz schafft Vertrauen – oder zumindest eine bessere Grundlage für Kritik.
Gleichzeitig macht die Folge deutlich, dass ein Abgeordnetenmandat selten ein klassischer Beruf mit geregeltem Feierabend ist. Sitzungen, Bürgertermine, Parteiveranstaltungen, Vorbereitungen, Nachrichten und öffentliche Aufmerksamkeit begleiten Mandatsträger häufig weit über die üblichen Arbeitszeiten hinaus.
Das bedeutet nicht, dass man Mitleid mit jedem Politiker haben muss. Aber eine ehrliche Einordnung ist hilfreicher als das übliche „Die da oben verdienen alle zu viel“, gefolgt von einem Video, dessen Quelle der Cousin eines Arbeitskollegen auf Facebook war.
Die zentrale Frage: Ist die Brandmauer demokratisch?
Der emotionalste Teil des Gesprächs beginnt mit einer direkten Frage:
Ist die Brandmauer zur AfD demokratisch oder undemokratisch?
Leidig-Petermann vertritt eine klare Position: Die Brandmauer müsse bestehen bleiben. Sie begründet das mit der Abgrenzung gegenüber rechtsextremen und demokratiefeindlichen Positionen.
Hama hält dagegen und fragt, ob durch eine pauschale Ablehnung der Zusammenarbeit nicht zugleich ein großer Teil der Wählerschaft ignoriert werde. Daraus entsteht keine einfache Ja-Nein-Debatte, sondern genau das Spannungsfeld, um das sich die gesamte Diskussion dreht.
Die eine Seite argumentiert:
Eine demokratisch gewählte Partei und ihre Wähler dürften nicht grundsätzlich aus politischen Prozessen ausgeschlossen werden. Eine vollständige Isolierung könne das Gefühl verstärken, dass bestimmte Stimmen nichts zählten.
Die andere Seite entgegnet:
Demokratie bedeute nicht, dass jede gewählte Partei automatisch Anspruch auf Koalitionen, Mehrheiten oder politische Zusammenarbeit habe. Auch die bewusste Abgrenzung sei eine demokratische Entscheidung.
Die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt in einem Beitrag, dass die Brandmauer politisch und historisch keineswegs eindimensional bewertet wird. Sie kann einerseits demokratische Institutionen vor extremistischen Kräften schützen. Andererseits kann eine rein symbolische Abgrenzung wirkungslos werden, wenn die gesellschaftlichen Ursachen des politischen Erfolgs populistischer Parteien nicht behandelt werden.
Eine ebenfalls bei der Bundeszentrale veröffentlichte Gegenposition kritisiert eine „hermetische Brandmauer“, weil dadurch politische Interessen von AfD-Wählern auch bei Themen außerhalb des Demokratieschutzes nicht ausreichend berücksichtigt werden könnten.
Genau deshalb ist die Frage so schwierig. Wer eine einfache Antwort verspricht, hat entweder ein sehr starkes Weltbild – oder gerade wenig Zeit.
Ausgrenzung oder notwendige Grenze?
Ein wichtiger Punkt wird in politischen Diskussionen häufig vermischt: parlamentarische Teilhabe und politische Zusammenarbeit sind nicht dasselbe.
Eine Partei, die in ein Parlament gewählt wird, erhält Sitze, Rederechte, Antragsmöglichkeiten und Beteiligungsrechte. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass andere Parteien mit ihr koalieren oder gemeinsame Mehrheiten bilden müssen.
Auf der anderen Seite kann eine Strategie des vollständigen Ignorierens ebenfalls problematisch sein. Denn politische Unzufriedenheit verschwindet nicht dadurch, dass man sie sprachlich hinter eine Mauer stellt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, mit wem Parteien zusammenarbeiten, sondern auch, warum sich immer mehr Menschen von traditionellen Parteien nicht mehr vertreten fühlen.
Das Gespräch bleibt an diesem Punkt angenehm unperfekt. Es gibt keine auswendig gelernte Schlussformel, nach der plötzlich alle Seiten zufrieden sind. Stattdessen wird deutlich, wie widersprüchlich politische Entscheidungen sein können.
Eine offene Demokratie muss Grenzen setzen können. Sie muss aber zugleich erklären, warum sie diese Grenzen setzt. Sonst entsteht schnell der Eindruck, dass moralische Etiketten politische Argumente ersetzen.
Social Media verändert politische Kommunikation
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist die Macht sozialer Netzwerke.
Politische Inhalte konkurrieren auf TikTok, Instagram und YouTube nicht nur mit anderen Parteien. Sie konkurrieren mit Unterhaltung, Skandalen, Prominenten, Katzenvideos und Menschen, die in 30 Sekunden erklären, warum angeblich das gesamte Wirtschaftssystem unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht.
Differenzierte Politik hat es in diesem Umfeld schwer.
Ein Satz wie „Das hängt von verschiedenen rechtlichen Zuständigkeiten und den Ergebnissen des zuständigen Fachausschusses ab“ besitzt nun einmal weniger virale Kraft als „SIE WOLLEN, DASS DU DAS NICHT WEISST“.
Im Podcast wird diskutiert, weshalb insbesondere polarisierende politische Akteure in sozialen Netzwerken erfolgreich sind. Klare Feindbilder, einfache Sprache und emotionale Botschaften funktionieren häufig besser als komplizierte Erklärungen. Gleichzeitig erwarten Bürgerinnen und Bürger heute viel schnellere Reaktionen von Politikern. Früher dauerte eine Antwort per Brief möglicherweise zwei Wochen. Heute wirken bereits 24 Stunden wie eine verdächtig lange Funkstille.
Das verändert nicht nur Wahlkämpfe, sondern auch politische Erwartungen. Langwierige demokratische Prozesse treffen auf eine digitale Öffentlichkeit, die Ergebnisse möglichst noch vor dem Ende des Videos sehen möchte.
Bürokratie: Alle wollen sie abbauen – aber keiner findet den Ausschalter
Beim Thema Bürokratie treffen die Perspektiven von Unternehmer und Politikerin direkt aufeinander.
Hama berichtet im Gespräch von einer Genehmigung für ein LED-Schild, auf die er rund neuneinhalb Monate warten musste. Leidig-Petermann räumt ein, dass lange Genehmigungsverfahren Unternehmen belasten und Investitionen erschweren können.
Gleichzeitig erklärt sie, warum Bürokratie nicht einfach über Nacht abgeschafft werden kann. Regeln und Prüfprozesse wurden oft geschaffen, um Sicherheit, Gleichbehandlung und rechtliche Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Das Problem: Über Jahre entsteht daraus ein System, in dem jede zusätzliche Absicherung wiederum ein neues Formular benötigt. Vermutlich wird irgendwann auch ein Antrag nötig sein, um den Antrag auf Bürokratieabbau ordnungsgemäß einzureichen.
Beide sind sich dennoch einig, dass Prozesse schneller und digitaler werden müssen. Gerade junge Unternehmen, Erweiterungsprojekte und Neuansiedlungen dürfen nicht monatelang in unklaren Verwaltungsabläufen feststecken.
Hier zeigt sich, warum Gespräche zwischen Politik und Wirtschaft wichtig sind. Unternehmer erleben unmittelbar, wo Verfahren bremsen. Politiker sehen wiederum die gesetzlichen, finanziellen und administrativen Abhängigkeiten hinter den Entscheidungen.
Keiner der beiden Blickwinkel allein bildet die ganze Realität ab.
Nicht alles gut finden und trotzdem Mitglied bleiben?
Auch das Verhältnis zwischen persönlicher Überzeugung und Parteilinie wird angesprochen.
Muss ein Parteimitglied wirklich jede Entscheidung der eigenen Partei unterstützen?
Leidig-Petermann vergleicht eine Parteimitgliedschaft sinngemäß mit einer guten Ehe: Es gibt Reibungspunkte, Meinungsverschiedenheiten und gelegentlich eine Kröte, die geschluckt werden muss. Trotzdem bleibe man aufgrund gemeinsamer Grundüberzeugungen zusammen.
Sie sagt offen, dass sie nicht mit jeder Entscheidung ihrer Partei oder der Bundesregierung glücklich sei. Parteizugehörigkeit bedeute für sie nicht, das eigene Denken an der Garderobe abzugeben.
Diese Aussage ist bemerkenswert, weil politische Kommunikation häufig den gegenteiligen Eindruck vermittelt. Nach außen sollen Parteien geschlossen auftreten. Nach innen lebt Demokratie jedoch von Diskussion, Widerspruch und Kompromissen.
Eine Partei, in der alle Mitglieder immer exakt dieselbe Meinung vertreten, wäre entweder erstaunlich harmonisch – oder ein wenig beunruhigend.
Warum solche Gespräche wichtig sind
Der größte Wert dieser Podcast-Folge liegt nicht darin, eine endgültige Antwort zur Brandmauer zu liefern. Das kann ein einzelnes Gespräch ohnehin nicht leisten.
Der Wert liegt darin, unterschiedliche Perspektiven hörbar zu machen.
Hama stellt Fragen aus Sicht eines Unternehmers und Bürgers, der politische Entscheidungen verstehen möchte. Leidig-Petermann antwortet aus ihrer Erfahrung als langjähriges SPD-Mitglied und neue Landtagsabgeordnete. Beide stimmen nicht in jedem Punkt überein. Trotzdem bleibt das Gespräch respektvoll.
Genau diese Form der Diskussion fehlt häufig.
Politische Debatten müssen nicht weichgespült sein. Sie dürfen deutlich, kritisch und emotional werden. Aber Kritik sollte auf Argumente zielen – nicht auf die Würde eines Menschen.
Oder, wie es im Gespräch sinngemäß formuliert wird: Wir müssen wieder lernen, miteinander zu streiten, ohne uns zu beleidigen, und anschließend trotzdem gemeinsam ein Bier trinken zu können.
Natürlich funktioniert demokratischer Dialog auch ohne Bier. Aber schaden dürfte es in vielen Kommentarspalten vermutlich nicht.
Fazit: Demokratie beginnt nicht mit Einigkeit
Ist die Brandmauer demokratisch?
Nach dieser Podcast-Folge ist die Antwort nicht automatisch einfacher. Aber sie ist differenzierter.
Die Brandmauer kann als notwendige Abgrenzung gegenüber extremistischen Positionen verstanden werden. Gleichzeitig darf sie kein Ersatz für politische Auseinandersetzung, überzeugende Lösungen und den respektvollen Umgang mit enttäuschten Wählern sein.
Wer Demokratie schützen möchte, muss Grenzen benennen. Wer Menschen zurückgewinnen möchte, muss ihnen zuhören. Beides gleichzeitig zu schaffen, ist kompliziert – aber genau darin besteht politische Verantwortung.
Die Folge mit Magali Leidig-Petermann spricht außerdem über politische Karrierewege, Abgeordnetengehälter, den Einfluss sozialer Medien, Bürokratie und die Zukunft Deutschlands. Sie zeigt eine Politikerin nicht nur als Vertreterin einer Partei, sondern als Menschen mit Überzeugungen, Zweifeln und persönlichen Erfahrungen.
Die vollständige Episode von „Erfolg ist kein Zufall“ gibt es hier:

